Nicht Längsdurchgängigkeit, sondern Seitenaufstieg tut not

Nicht Längsdurchgängigkeit, sondern Seitenaufstieg tut not

Aufsatz fürs WTW September 1998

Die Nutzung des fließenden / fallenden Wassers ist eine der effizientesten Arten Energie zu gewinnen, unverständlicherweise ist es schick und opportun geworden, die Wasserkraftnutzung zu verteufeln und für den Rückgang der Fischbestände verantwortlich zu machen.

Zu unrecht muss festgestellt werden , durch dokumentierte Untersuchungen kann nachgewiesen werden, dass weder die Wasserkraftnutzung, noch die beklagten Querbauwerke für den Rückgang der Fischbestände verantwortlich sind.

Im Gegenteil die üblichen Querbauwerke erhöhen den Fischbestand, auch durch die Wasserkraftnutzung wird der Fischbestand eher erhöht als geschwächt.

Bei sachlicher emotionsfreier Beurteilung belegen alle Untersuchungsergebnisse, dass Wasserkraftnutzung und Fischerei und damit auch die Ökologie sich nicht gegenseitig ausschließen.

Im Gegenteil bei einem Zusammenwirken beider Interessen können beachtliche Verbesserungen für die Fischerei und für die Gewässerökologie erreicht werden.

Die Tatbestände, die in der Folge untersucht und erläutert werden, betreffen typische Mittelgebirgsgewässer ( wie diese z.B. aus Schwarzwald, Alb oder Odenwald abfließen ).

1. Die Wasserkraftnutzung wurde vor rund 100 Jahren in zehnfach stärkerem Umfang an unseren Bächen und Flüssen ausgeübt, dennoch gab es damals in den abertausenden von Mühlbächen und Wiesengräben auch bis zu 10 mal mehr Fische, wie überhaupt die Vielfalt der Gewässerlebewesen damals weit größer als heute war.

Der Bereich der oberen Breg aus dem Badischen Wasserkraftkataster von 1932 belegt beispielhaft die frühere Dichte der Wasserkraftnutzung.

Damals waren auf einer Gebirgsfläche von nur 150 qkm rund 120 Triebwerke in Betrieb, heute sind es gerade noch 9 mit dem Zubau von weiteren 2 Anlagen also 11, mithin weniger als 10% des ursprünglichen Bestandes.

Der Rückgang der Fischbestände setzte fühlbar in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg ein, parallel mit dem Sterben der kleinen Wasserkraftwerke. Dieser Rückgang hat viele Ursachen, nicht alle aber einige der wichtigsten Gründe sollen hier erläutert werden. : Nachdem es heute gegenüber dem Istbestand nur noch 10 % der ehemals vorhandenen Wassertriebwerke gibt und die Fischbestände ebenfalls ein dementsprechend niedrigeres Niveau erreicht haben, kann hieraus der Wasserkraftnutzung ganz gewiss kein Verschulden angelastet oder nachgewiesen werden, im Gegenteil, wäre die Theorie der Wasserkraftgegner richtig, müssten die Fischbestände in dem Umfang größer geworden seien, wie die Wasserkraftnutzung zurückgegangen ist

Nicht Längsdurchgängigkeit, sondern Seitenaufstieg tut not.

Von den Gegnern der Wasserkraftnutzung kommt immer wieder die Forderung sämtliche Wehre und Querbauwerke abzureißen oder zumindestens über alle Wehre hinweg Durchgängigkeit zu schaffen.

Tatsächlich denkt aber zu kurz wer den Wehren die Schuld am Rückgang der Arten zuweist.

Die folgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt des Längenschnittes der Elz ( mittlerer Schwarzwald ) im Bereich von Niederwinden.

Auf 10 km Fluss-Strecke kommen 23 Wehre, im Mittel also alle 450 m ein Wehrabsturz

Kaum die Hälfte dieser Wehre diente der Kraftnutzung, die Mehrheit diente der Wiesenwässerung. 
Diese Wehrbauwerke sind nicht neu, sie gehen meistens schon auf das Mittelalter zurück, es handelte sich hierbei ausschließlich um Holzwehre, die im Zuge der Besiedelung der Talaue , der Begradigung des Flussbettes, der Hochwasserfreihaltung und der Wiesenbewässerung gebaut wurden.

Würde man diese Wehre wegreißen, verkäme der Fluss zu einer schießenden Rinne, die Ufer und die Sohle würden erodieren und die Fischbestände würden buchstäblich den Bach hinab auf nimmer Wiedersehen entschwinden.

Selbst wenn man mit einem finanziellen Kraftakt um alle diese Wehre herum einen Aufstiegsbach bauen würden, dann gäbe es dennoch keinen Fisch mehr als jetzt, abgesehen von den Bereichen des zusätzlichen Lebensraumes, den Aufstiegsbäche selbstverständlich schaffen.

Wenn das Bachsubstrat und damit die darin abgelegten Forelleneier durch Hochwasser umgespült wird, wenn an anderen Stellen die Eier im Schlamm der Abwässer ersticken und wenn dennoch geschlüpfte Brutfische vom Frühjahrshochwasser weggeschwemmt werden, dann gibt es auch dann nicht eine einzige Forelle mehr, wenn sämtliche Wehre aufstiegsfähig umgebaut werden.

Die Herstellung der absoluten Durchgängigkeit ist finanziell aufwendig und ineffizient, es sei denn man behauptet, es müsse jetzt der Lachs oder die Mehrforelle bis zu den Quellen des Schwarzwaldes aufsteigen. 
Es ist verfehlt und fischereiökologisch unsinnig die auch von Natur her nie vorhandene generelle Durchgängigkeit als das Maß aller Dinge unter den Hinweis auf Lachs oder Meerforelle zu verlangen. 
Bei der Hatz gegen die Wasserkraftnutzung wurde entweder aus Unwissenheit oder aus Vorsätzlichkeit der Hauptgrund für den aquatischen Artenschwundes schlicht unterschlagen:

Die Verfüllung des ausgedehnten, in allen Mittelgebirgen tausende von Kilometern messenden Wiesenbewässerungssystemes , die Drainierung der Quellbäche , die Verdohlung der Kleinstzuflüsse und die totale Beseitigung der Durchwanderbarkeit unter Straßen und Wegen durch Anlage von Abstürzen und Verrohrungen im Zuge des modernen Straßenbaues.


Durchwanderbare Überbrückung des Stüblesgrundbaches

Bis Ende des 1. Weltkrieges mündeten nahezu alle Quell- und selbst kleinste Seitengräben und Bäche offen in das Hauptgewässer, die schmalen Straßen durch unsere Täler überbrückten diese Gräben und Bächen in der Regel mit hochgemauerten Sandsteinbrücken, wie im Bild erkennbar.

In solchen kleinen Zuflüsse mit sauberem Quellwasser zogen alljährlich im Herbst die Bachforellen in bellen Scharen zum Laichgeschäft hinein.

In den verwachsenen Bächen entwickelten sich die Brutfische prächtig, in den Quellbächen gibt es kaum nennenswerte Hochwässer, das Geschiebe wird weit weniger umgewälzt, Laich- und Brutfische sind in solchen zugewachsenen kleinen Bächen auch im Frühjahr und Sommer weit besser geschützt als im Hauptbach. Wurden die Fische größer wanderten sie in den Hauptbach ab und ergänzten dort den Bestand.

Mit dem Einzug des modernen Straßenbaues wurden die alten Sandsteinüberbrückungen weggerissen, der Bach mündete entweder direkt über Abflussgullys in den Untergrund, oft wurde er vorher noch im Straßengraben wie Abwasser abgeleitet.


Ein Wiesenquellbach - der Aiterbach - landet wie Abwasser im Straßengraben und dann im Gully.
 


Der gleiche Aiterbach nach dem Verlassen der Straßenverrohrung in einer Schussrinne zur Murg. Hier kann kein Fisch mehr aufsteigen.

Rotschliffbach beließ man die Sandsteiübermauerung, er stürzt aber senkrecht ab. Laichwillige Fische können nur bis zu dem Absturzgumpen, aber nicht mehr in den oberen Bereichen des Baches aufsteigen.

 

 
 

Die Vergewaltigung und der Verbau der Quell- und Laichbäche setzte sich bis in die letzte Waldregion , bis zur letzten Waldwiese fort.

Im Bereich der untersuchten Fischereibereiche "Obere Murg" , Aiterbächle, Aiterbach , Rotmurg, Röhrsbächle , Wolfig, Rechtmurg , Buhlbach, Ilgenbach und der vereinigten Murg auf einer Strecke von über 20 km im gesamten Bereich Baiersbronn-Obertal gab es bis 1996 nur zwei kleine aufstiegsfähige Laich- und Quellbäche, die nicht verrohrt, verdohlt und auch nicht in senkrechte Abstürze mündeten. Das System der früheren offenen Wässerungsgräben der Wiesen- und Quellbäche - das länger als die jeweiligen Hauptgewässer war, funktionierte als Rückzugsgebiet bei Hochwässer und als Brut- und Laichhabitat um die Hauptgewässer mit immer neuen jungen Fischen zu versorgen.

Dort wo Rückbaumaßnahmen möglich sind, werden diese jetzt mit Unterstützung der Naturschutzbehörde (auf eigene Kosten des Verfassers) in Angriff genommen.

Der "Gaisersbrunnen" wird aufstiegsfähig hergerichtet.
Der Gaisersbrunnen ist ein kleiner Quellabfluss am Waldsaum , der nach dem Verfüllen des früheren Wiesengrabens breitflächig über Wiesenkante und Steinabsturz zum Buhlbach absickerte. Er wurde mit einem "Baggertagesaufwand" aufstiegsfähig hergerichtet mit erstaunlichem Erfolg.

Bereits im Frühsommer 1998 ( die Herrichtung erfolgte im Herbst 1997 ) konnte in großer Menge Dottersackbrut festgestellt werden.

Das gleiche Ergebnis stellte sich auch bei dem oberhalb am Buhlbach einmündenden Quellgraben Tannenfelserbrunnen ein. Auch dort wurde das abfließende Wasser am Hangrand zu einem neuen Graben gefasst und aufstiegsfähig dem Buhlbach zugeleitet. Auch dort das gleiche Ergebnis im Frühjahr 1998 , der Bach ist voll von Dottersackbrütlingen.

Tannenfelserbrunnen, 1 Jahr nach Herrichtung des Aufstieges voller Dottersackbrutfischen
Das gleiche Ergebnis bei einem aufstiegsfähig hergerichteten Bach im Bereich der Rotmurg, 100 in unterhalb und 100 in oberhalb der Einmündungsstelle in die Rotmurg konnten bei einer Kontrollbefischung viele Jung- und Brutfische nachgewiesen werden, während im übrigen Bachverlauf der Sockel der Alterspyramide nämlich die Brutfische und Jungfische weitgehend fehlen, der Bestand rührt aus Besatzmaßnahmen und baut sich von der Größe von 12 cm Setzlingsgröße bis zu den fangreifen Fischen auf.


Quellbach stürzt 70 cm tief ab, kann nicht erwandert werden.


Der gleiche Quellbach nach der aufstiegsfähigen Herrichtung

Der Aufwand für die Wiederherstellung der Aufstiegsfähigkeit in einem geeigneten Brut- und Quellbach ist relativ gering, in den genannten beiden Fällen jeweils einen "Baggertag" mit Schreitbagger zum Preis von gegen DM 2.000,--. Der Nutzen für die Fischerei und den gesamten aquatischen Lebensraum ist aber um ein Vielfaches größer als die Herstellung der Durchgängigkeit an den Stauanlage im Hauptgewässer.

Die Mittel, die für die Herstellung aufwendiger Umgehungsgerinne am Hauptgewässer in der Regel ohne großen Nutzen buchstäblich verschleudert werden, sollten zweckdienlicher zur Öffnung der Kleingewässer verwendet werden, wenn das Gewässer dann nicht durch Abwässer geschädigt ist, wird der fischereiliche Artenvielfalt und dem Fischbestand weit mehr und effizienter gedient, als wenn der Fluss von der Quelle bis zur Mündung mit hohem Aufwand durchgängig gemacht wird.

Nicht die Gegnerschaft, sondern nur die kooperative Zusammenarbeit mit der Wasserkraftnutzung kann den Fischbestand vermehren.

Warum das Übel der Verdohlung und der Verbauung der kleinen Laich- und Quellbächen von den Wasserkraftgegnern und der Fischerei weder erwähnt noch aufgegriffen wird, ist unverständlich. Wahrscheinlich deshalb, weil für diese Sünde an der Gewässerökologie der eigene Arbeitgeber , also der Staat, nicht aber die Kraftwerksbetreiber verantwortlich gemacht werden können. Auch wenn diese Aussage bei den Gegnern der Wasserkraftnutzung auf wilde Empörung stoßen wird, dann gibt es dennoch an diesem Tatbestand nichts zu rütteln.

Manfred Lüttke

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