Gewässerdurchgängigkeit

Gebirgsflüsse sind nie durchgängig, waren auch in der Urzeit nicht durchgängig, die aquatischen Lebensgemeinschaften brauchen auch keine Durchgängigkeit
- ansonsten gäbe es oberhalb von Wasserfällen generell keine Fische -

Manfred Lüttke und Johannes Prinz, August 2002

Untersucht aus dem alpinen Raum: "Berger Bach", linksseitiger Zufluss der Drau, aus dem Kreuzeckmassiv in Südkärnten

Der Bach hat wie nahezu alle alpinen Bäche einen Schuttkegel ins Haupttal vorgeschoben, auf dem das Dorf "Berg" 50 bis 80 m über der Talaue am Berghang errichtet wurde.

Im Gebirgstal oberhalb des Dorfes wurde die Schleppkraft des Baches zur Rückhaltung des Geschiebes und zur Brechung der Hochwasserenergie wie bei den meisten alpinen Bächen durch den Einbau mehrerer Wildwasserverbauungen – ausgebildet als Wehrabstürze – in Höhe von 5 bis 6 m gemindert (Bild 1).

Bild 1 Wildwasserverbauung zu Beginn der Bachschlucht oberhalb des Dorfes Berg

Ab dem Eintritt in den Dorfbereich ist das Bachbett auf eine Länge von ca. 1000 m bis zur Einmündung in die Drau in 25 bis 30 cm hohe jeweils 2,5 bis 3 m lange durch Holz und Granitsteine befestigte Schwellen ausgebildet (Bild 2).

Bild 2 Durch Schwellen ausgebautes Bachbett zwischen Drau und erstem Wildwasserwehr. Da kaum Ruheplätze eingebaut wurden ist ein Aufstieg nur sehr schwer und nur bei günstigen Abflüssen möglich

Es handelt sich um ein typisches Bachforellengewässer. Ein künstlicher Besatz des Gewässers findet nicht statt. Der Fischereirechtsinhaber richtet sein Augenmerk ausschließlich auf die Drau, einem 50 bis 60 m breiten Äschen-, Nasen- und Huchengewässer mit starker Gletscherschluffeintrübung in den Sommermonaten (Bild 3).

Bild 3 Die Drau, eingetrübt durch Gletscher- und Regenabflüsse

Die Drau wird regelmäßig besetzt und von den Hotelgästen des Fischereirechtsinhabers auch rege befischt, wohingegen der Bergbach auch wegen der schwierigen Befischung keine Beachtung findet. Der "Berger Bach" liegt in einer schluchtartigen Einkerbung und ist nur sehr schwierig zu begehen. Um an den Bach zu gelangen müssen die jeweiligen Wildwasserwehre überstiegen werden. Auch sind die Fische naturgemäß viel kleiner als in der Drau. Der Bach wird deshalb fast nie befischt.

Wäre die Längsdurchgängigkeit Voraussetzung für die Entwicklung und Erhaltung eines Fischbestandes, dann dürfte es in diesem Bergbach keine Bachforellen geben, da diese über die ca. 320 ausgebauten Stufen von der Drau herauf nur in Ausnahmefällen hochwandern, über die 5 bis 6 m hohe Wildwasserwehre aber niemals aufsteigen können.

Bild 4 Viertel Wildwasserwehr flussaufwärts. Der Wasserabfluss erfolgt über eine ehemalige Triebwasserableitung.

Die Realität sieht aber völlig anders aus. Gerade in hohen Querbauwerke der Wildwasserverbauungen bieten hervorragenden Lebensraum und Unterstandsmöglichkeiten.

Bereits beim ersten Wurf mit der Angel stürzt sich eine Bachforelle unterhalb der ersten Wildwasserverbauung auf den Köder (Bild 5).

Bild 5 Die Auskolkung unter dem Wildwasserwehr bietet der sofort auf den Köder gegangenen Forelle hervorragenden Schutz und Lebensraum

Wer nun aber glaubt, nach der ersten 6 m hohen Querverbauung gäbe es oberhalb im Bach keine Forellen mehr, irrt sich. Im Gegenteil, auch zwischen den im Abstand von einigen hundert Metern angeordneten Absturzbauwerken der Wildbachverbauung ist jeder im Bachbett geeignete Standort von einer Forelle besetzt. Wieder hat eine Bachforelle sich ungestüm auf den Köder der Angel gestürzt (Bild 6).

Bild 6 Schöne Bachforelle aus einer ausgeschwemmten Vertiefung oberhalb des Wildwasserwehres

Die Anzahl der Fische wird allein von der Anzahl geeigneter Unterstände bestimmt, wobei die jeweiligen Abstürze der Wildwasserverbauungen zu den besten Standplätzen gehören. Und wieder hat eine hungrige Bachforelle zugebissen (Bild 7).

Bild 7 In jeder geeigneten Vertiefung des Bergbaches auch hinter den folgenden Wildwasserwehren lauern Forellen auf anschwimmende Beute

Auch nach der 5. für Forellen unüberwindbaren Wildwasserverbauung leben immer noch in jedem geeigneten Gumpen prächtige Forellen. (Bild 8)

Bild 8 Auch nach dem für Fische unüberwindbaren Wehrabsturz leben immer noch prächtige Bachforellen, diese halten sich seit Urzeiten autochthon.

Erst dort, wo es wegen des immer steiler werdenden Bachverlaufes keine Unterstandsmöglichkeiten mehr gibt, wird auch der Fischbestand dünner. Alle bei der Untersuchung gefangenen Fische wurden anschließend schonend zurückgesetzt.

Beispiel 2.

Angerbach in den Karnischen Alpen vom Plöckenpass – Südkärnten – zur Gail verlaufend. Der Angerbach verläuft durch eine nahezu unzugängliche Schlucht und stürzt sich über einen Wasserfall in den grünen Valentinsee. (Bild 9)

Bild 9 Der Wasserfall ist ca. 30 m hoch und kann nur von oben nach unten, niemals aber von unten nach oben durchwandert werden.

Wegen fehlender Durchgängigkeit dürfte es daher im Angerbach keine Forellen geben. Tatsächlich aber sind die Angerbach Schluchtforellen wegen ihrer Größe von bis zu 60 cm Länge und ihrem Gewicht von bis zu 1,5 kg, aber auch wegen ihrer Kampfkraft besonders berühmt, eine Schautafel am Ufer des Valentinsees weist auf diesen Tatbestand besonders hin. (Bild10)

Bild 10 Bis zu 60 cm lang und 1,5 kg schwer werden die kampfstarken Forellen aus dem Angerbach

Obwohl die Fische nur flussabwärts über den Wasserfall, aber niemals mehr aufwärts wandern können, wird dadurch die Entwicklung und die Aufrechterhaltung des natürlichen Fischbestandes in keiner Weise gemindert.

Zusammenfassend:

Die Querbauwerke und Wehre der Wildwasserverbauung reduzieren das Fließgefälle, schaffen damit zusätzliche Unterstände und Rückzugsgebiete der Fische bei Hochwasser und vergrößern die Habitate und den Lebensraum.

Würde man diese Schutzverbauungen entfernen, dann würde sich der Lebensraum der Forellen reduzieren, gleichzeitig würde der erhöhte Geschiebetrieb bei Hochwasser den abgelegten Laich vernichten. Der Bach wäre nicht mehr besiedelbar und damit fischleer.

Längsdurchgängigkeit spielt keine Rolle und ist auch nicht erforderlich. Gebirgsflüsse waren nie durchgängig und brauchen keine Durchgängigkeit.

Hierüber ist sich zwischenzeitlich auch die unabhängige Wissenschaft weitgehend einig, österreichische Fischereiwissenschaftler fordern zwischenzeitlich zum Schutze der alt eingesessenen Forellenarten in den Kalkalpen des Nationalparks Oberösterreich bestehende Querbarrieren zu erhöhen, um die Zuwanderung unterwünschter Arten – Regenbogenforellen, Zuchtforellen usw. – zu verhindern.

Deutliches kann die Abfuhr der zu unrecht zum Götzen erhobenen Forderung nach Längsdurchgängigkeit auch durch die offizielle Wissenschaft nicht mehr artikuliert werden,

DPA-Meldung Süddeutsche Zeitung Juli 2000

ZOOLOGIE / Neue Forellenart in Österreich

Wertvolle Erbgut-Ressource aus der Donau

Österreichische Wissenschaftler haben in den Bächen des Nationalparks Kalkalpen/Oberösterreich eine bisher unbekannte Forellenart entdeckt. Das berichtet das Hamburger Magazin "National Geographic Deutschland". Die Forelle erhielt den Namen "Salmo trutta forma fario Da25". Sie stamme aus der Donau und habe sich noch nicht mit den Zuchtforellen vermischt, heißt es in dem Bericht weiter. Damit sei sie eine Wertvolle Gen-Ressource.

Viele ausgesetzte Zuchtforellen seien nicht gut an ihre Umgebung angepasst und damit extrem anfällig für Krankheiten und Parasiten, berichtet das Magazin. Die neu entdeckte Unterart sei zwar selten, aber wesentlich robuster. In Zukunft solle deshalb versucht werden, die Fortpflanzung dieser Fische intensiv zu fördern und ihren Lebensraum auszuweiten. Dazu solle beispielsweise die Erhöhung natürlicher Barrieren im Wasser der eingeschleppten Regenbogenforelle den Weg bachaufwärts versperren.

Weitere Literatur:

  1. Ökologisches Gutachten zum geplanten Wasserkraftwerk Felsentälerhof unter besonderer Berücksichtigung der Fischfaune, Weisser & Ness 1995
  2. Nicht Längsdurchgängigkeit, sondern Seitenaufstieg tut Not, Manfred Lüttke 1998
  3. Fische sind keine Kulturflüchter, Wehrbauwerke und Ufermauern fördern regelmässig den Fischbestand, Manfred Lüttke 1998
  4. Strukturierte Ausleitungsstrecken mit wenig Restwasser können gleichwertige, oft sogar bessere Fischhabitate als Vollwasserstrecken bieten, Manfred Lüttke + Johannes Prinz 2001
  5. LAWA-Vorgaben zur Mindestwasserbestimmung sind fischfeindlich und gewässerökologisch nicht begründbar

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