Fische leben gut mit Kleinwasserkraft

Sie wird gemocht. 86% der Deutschen wünschen gar einen weiteren Ausbau der Wasserkraft. Doch immer häufiger beschimpfen Kritiker Kleinwasserkraftwerke als "Fischhäckselmaschinen". Vor Ort genauer nachgeprüft, lassen sich solche Vorwürfe gegenüber kleineren Triebwerken nicht belegen. So die Beobachtung der "Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg e.V.". Ihr gehören rund 1000 kleinere, meist Private Wassertriebwerke im Land an.

Absolut klimaschonend. Entsteht in einem Kleinwasserkraftwerk an laufenden Bächen und Flüssen eine Kilowattstunde Elektrizität, entweichen dabei vom Haupt-Klimakiller Kohlendioxid (CO 2) null Gramm in die Luft. Wird die gleiche Strommenge im Kohlekraftwerk Heilbronn gewonnen, qualmt dagegen - laut Betreiber - ein Kilogramm CO 2 aus dem Schornstein.

Kleinwasserkraft - saubere, heimische Energie. Schon um Christi Geburt genutzt und in Jahrhunderten technisch weiterentwickelt, diente sie nicht nur in Zehntausenden von Mühlen der Lebensmittelproduktion, sondern erwies sich auch als Triebfeder der Industrialisierung in Süddeutschland. Heute helfen Tausende kleiner Turbinen an tradierten Standorten, der Atmosphäre Zehntausende Tonnen Kohlendioxid zu ersparen. Konkreter Klimaschutz aus kleinen und mittelständischen Betrieben.

Doch mancher Fischerei-Fürsprecher sieht das ganz anders. So meinte ein Mitglied des "Württembergischen Anglervereins Stuttgart", Strom aus Wasserkraft sei "blutrot vom Blut der Fische, die an den Turbineneinläufen getötet oder in den Turbinen zerhackt werden". Ähnliche Behauptungen führten bereits zu Beleidigungs- und Unterlassungsklagen von Kraftwerksbetreibern.

Begründung? Triebwerksbesitzerinnen und -besitzer verweisen auf "Rechen" vor den Turbinen. Also auf Gitter, die Laub, Äste und anderes Treibgut von den Wasserkraftmaschinen fernhalten. Da die Gitterstäbe dieser "Rechen" an Kleinwasserkraftwerken meist nur wenige Zentimeter voneinander entfernt stehen, lassen sie auch kaum ausgewachsene Fische durch. Abstände zwischen den "Rechen"-Gittern: Meist zwei bis drei Zentimeter, oft sogar weniger. Ein Umstand, den selbst Fischereibiologen bestätigen, die im Auftrag von Anglerverbänden forschen.

Zudem machen die Wasserkraftbetreiber darauf aufmerksam, dass allerhand Zivilisationsmüll in den Gewässern dank der "Rechen" aus Flüssen und Bächen entfernt wird. Auf private Kosten der Wassermüller. Solch umweltschonende Wirkung entfalte sich bei Kleinwasserkraft noch dadurch weiter, dass die Turbinen Sauerstoff in die Fluten wirbeln. Erfahrene Fischer werfen ihre Angelhaken daher gerne direkt unterhalb der Kraftwerke und Wehre. Deren oberliegende Stauräume vor den Triebwerken kommen als wertvolle Ruhebereiche gelegentlich unter Naturschutz.  

Feine Unterschiede im Zentimetermaß. Trotzdem: "Sport"-Fischer im Schwarzwald behaupteten im Sommer über kleinere Triebwerke, die Wassertiere würden "direkt in die Turbinen der Kraftwerke" schwimmen, was "50 Prozent der Fische" nicht überlebten. Also die Hälfte solcher Wassertiere? Dafür legten die Angelfunktionäre allerdings keine Beweise vor.

Eine Untersuchung der Technischen Universität München Weihenstephan von 1999 an einem großen Kraftwerk nennt zwar auch die Ziffer 50 Prozent, schreibt solche beachtlichen Schadensraten allerdings nur einzelnen Fischarten zu. Zum Beispiel die Brachsen (48%) oder Güster (45%). Und von den so erforschten Wassertieren behandelt die Studie ausschließlich diejenigen, die tatsächlich in die Turbinen des Großkraftwerks schwammen. Dazu Fischbiologe Dr. Manfred Holzner, der die Untersuchungsergebnisse veröffentlichte: "Es ist momentan nicht möglich, zu sagen: Wie viel vom  g e s a m t e n  Fischbestand ist das?'"

Was wurde von Holzner erforscht? Kein kleines Triebwerk, sondern das große Main-Kraftwerk Dettelbach mit 4,5 Megawatt. Als "Kleinkraftwerk" bezeichnen Fachingenieure in Deutschland dagegen Anlagen mit bis zu einem Megawatt. Mithin rund 80% der deutschen Wassertriebwerke. Es komme also auf genaueres Hinsehen an, fordert die wasserkräftige Fachwelt. So seien die Gitterstäbe des "Rechens" vor den Turbinen des untersuchten großen Kraftwerks Dettelbach 9 Zentimeter auseinander - im Gegensatz zu "Rechen"-Abständen von meist zwei bis drei Zentimetern und deutlich weniger an Kleinkraftwerken. Ein kleiner Unterschied mit großen Folgen.

Seine Untersuchungsergebnisse will Fischbiologe Holzner derweil auch nicht unbesehen auf andere Wasserkraftanlagen übertragen lassen. "Ich würde mich dagegen verwahren, dies zum Beispiel auf Donaukraftwerke zu beziehen." So gelten Gewässersysteme der Donau und ihrer Zuflüsse nicht als natürlicher Lebensraum für 'wandernde' Arten wie Aale oder Lachse.

Weitere Erhebungen im Einzugsbereich von Kleinwasserkraftwerken im Nordschwarzwald ergaben außerdem, dass sich Fische dort Gefahrenbereichen - wie Turbinen - entziehen.

Mehr Kleinwasserkraft - mehr Fische

Fische leben gut mit Kleinwasserkraft. Zu dieser Feststellung kommt die "Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg" nicht nur aufgrund der fischbiologischen Forschungs-Ergebnisse vom Großkraftwerk am Main, sondern auch aufgrund geschichtlicher Fakten. Drehen sich heute zwischen Waterkant und Alpen nämlich keine 10 000 Wassertriebwerke mehr, so waren es um 1900 etwa 100 000. Also zehn mal mehr - meist amtlich genau vermerkt. Und die Zeit vor rund 100 Jahren gilt als diejenige Epoche, in der sich in hiesigen Gewässern die meisten Edelfische tummelten. Folglich greift die Formel: Mehr Kleinwasserkraftwerke, mehr Fische.

Dass sich die Fischwelt in deutschen Gewässern seit 1950 immer mehr verringerte, ist freilich auch den Betreibern von Kleinwasserkraftwerken aufgefallen. Allerdings weisen die Inhaberinnen und Inhaber alter Mühlen, Gewerbeturbinen und anderer kleiner Stauanlagen auf Schadenseffekte, die zeitlich mit dem jüngsten Fischeschwund einhergingen. Zum Beispiel bei Straßenbauten. Dort wurden kleine Bäche ab den 1960er Jahren oft in dunklen, tiefen Fallschächten gefasst. Folglich fielen Fisch-Wanderstrecken zu beschaulich gluckernden Brutplätzen massenweise weg. Als weitere Ursache des Fischeschwunds benennt die "Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg" unter anderem die chemische Belastung heimischer Gewässer.

"Scheinheiliges" Fischereilatein?

Die Kampagne manches Fischerei-Funktionärs gegen Kleinwasserkraft bewerten die Wassermüller freilich in weiteren Zusammenhängen. So falle auf, dass der ein oder andere Fischereiverband mit großen Stromkonzernen zusammenarbeite. Diese Atom- und Kohlegiganten verfügen ebenfalls über Wasserkraftwerke - meist große. So beteiligte sich etwa "E.on" (früher "Bayernwerk") an den Untersuchungskosten der Main-Stauanlage Dettelbach und zog jüngst gegen Kleinwasserkraftwerke zu Feld. Dagegen hielt die Umweltorganisation "Greenpeace" dem "Verband deutscher Sportfischer" eine "scheinheilige Kampagne gegen die Wasserkraft" vor. Schließlich trachten Millionen von Petrijüngern in Deutschland Fischen nach dem Leben. Wolfgang Apel, Präsident des "Deutschen Tierschutzbundes", schrieb dem "Deutschen Anglerverband" deshalb ins Stammbuch: "Das Töten von Tieren ist kein Beitrag zu unserer Naturerhaltung."

Julian Aicher (Pressesprecher der "Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg")

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